Ehrenkreuz 1. Klasse für Ernesto Cardenal aus Nicaragua

Am 25. März 2010 wurde in einer feierlichen Veranstaltung im Palais Starhemberg in Wien dem Priester und Dichter Ernesto Cardenal aus Nicaragua das „Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst“ 1. Klasse von der Bundesministerin Dr. Claudia Schmid verliehen. Die Laudatio hielt der Autor (und frühere Verleger Cardenals) Hermann Schulz aus Wuppertal. Das gesamte Werk von Ernesto Cardenal ist im Peter Hammer Verlag erschienen; zeitweise wurden die Weltrechte des Autors von Wuppertal aus betreut.

Cardenal dankte dem Laudator. „Ohne ihn und seine Treue zu meinem Werk stünde ich heute nicht hier“, sagte er unter anderem.

Der Text der Laudatio wird in mehreren Medien Österreichs abdruckt.

Ernesto Cardenal

Von Hermann Schulz

In den 70er und 80er Jahren formte sich in der europäischen und lateinamerikanischen Öffentlichkeit das Bild dieses Mannes aus Nicaragua, der heute geehrt wird. Er faszinierte durch seine Kleidung, seine Bewegungen, sein Gesicht, durch die anspruchsvolle Demut, die seine Erscheinung ausdrückte und durch die Art, wie er seine Gedichte las. Und durch seine poetischen, theologischen und politischen Aussagen, seine Prophezeiungen vom kommenden Reich Gottes auf dieser Erde, von der Versöhnung von Christentum und Sozialismus. Selbst wer alles besser wusste und über solche Aussagen ironisch den Kopf schüttelte, konnte sich der Intensität seiner Aussagen und der Konsequenz seines religiösen und politischen Lebensweges kaum entziehen. Er wurde zum Symbol gegen jede Unterdrückung, ein Sinnbild für Widerstand und Engagement, wie man es sich in den Köpfen linker Christen, Gewerkschaftern und Studenten in Europa und Amerika utopisch erträumte. Für solche Hoffnungen fand er neue Worte und Bilder, die er aus persönlicher politischer Erfahrung und aus den Tiefen der Geschichte und Mystik zu schöpfen schien.

Er zog Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft in seinen Bann. Millionärinnen ebenso wie Schulklassen suchten ihn im Hotel auf, um ihm Geld oder Schecks für „seine Sache“ zu bringen, die Befreiung Nicaraguas von einer Familiendiktatur. Auf kirchlichen Treffen schrieben Jugendliche Gebete für sein Land, katholische wie evangelische Gruppen lernten an Cardenals „Evangelium der Bauern von Solentiname“, wie man über biblische Texte sprechen und ihre brisante Aktualität entdecken kann. Auf Kirchentagen vesammelten sich Zehntausende, um ihn zu sehen und zu hören. Kaum jemand in solchen Massenversammlungen ahnte, dass es ihm oft spastische Schmerzen bereitete, die großen Hallen zu betreten und dass er lieber auf bäuerlichen Wiesen naturbelassene Äpfel pflückte oder die Wälder betrachtete. Dort erlebten ihn seine Freunde heiter und gelassen, und gerne erzählte er in solchen unaufgeregten Stunden die Geschichte seines jüdischen Urahns mit Namen Teufel, der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts aus Königsberg nach Kolumbien aufbrach, um Gold zu suchen. Als bis dorthin die Nachricht von sagenhaften Goldfunden in Kalifornien drang, wanderte Herr Teufel durch Zentralamerika nach Norden, denn Geld für eine Schiffspassage hatte er nicht mehr. In Nicaragua, wo man gerade den US-Diktator William Walker verjagt hatte, wurde Teufel verhaftet und als vermeintlicher Spion der Amerikaner zum Tode verurteilt. Der letzte Wunsch des listigen Mannes vor der Hinrichtung war, katholisch getauft zu werden und als Taufnamen den des Präsidenten Martinez zu bekommen. Das wurde sogleich dem Präsidenten berichtet und es rührte ihn. Er erließ ihm die Todesstrafe und machte Herrn Teufel zu seinem Berater. Der aber ließ bald seine Brüder aus Königsberg kommen und so wurde eine neue Aristokratenfamilie in Nicaragua angesiedelt. Sie verband sich mit der Familie eines spanischen Kapitäns namens Cardenal, die Nachkommen spielten dann in unseren Jahrzehnten in der Politik, im Handel und in der Poesie des Landes eine wichtige Rolle.

Da man das Wort Teufel in Zentralamerika nur schlecht aussprechen konnte, wurde daraus Tefel.

Schon Cardenals Onkel José Coronel war eine legendäre Gestalt der Literatur; und auch unter den jungen Dichtern unserer Tage begegnet uns diese Familie. Ernesto wurde weit über die Grenzen Lateinamerikas hinaus eine prägende Gestalt, in dessen Werk Motive der Sehnsucht, der Liebe, der Gerechtigkeit und der Leidenschaft von seiner Jugendpoesie bis heute lebendig sind.

Seit dem Erscheinen des ersten Bandes seiner Erinnerungen „Verlorenes Leben“ wissen wir, dass bei ihm in jungen Jahren Schüchternheit und Leidenschaft im ständigen Widerstreit lagen, er war früh besessen von einer umfassenden Vision der Liebe, die ihn zu den Mädchen hinzog und gleichzeitig zu Gott. Mit ihm sprach er über den glücklichen oder unglücklichen Ausgang seiner Abenteuer, ihm dankte er mit Grimm im Herzen, wenn es in den Bordellen von Paris oder Madrid doch nicht zum geplanten Sex kam und opferte ihm klaglos oder auch klagend diese oder jene Leidenschaft. So war es auch eine unglückliche Liebe, die er als Zeichen Gottes erkannte und die ihn bewog, ins Kloster zu gehen: Er würde diese Suche nach irdischer Liebe aufgeben, die für ihn unerfüllt bleiben musste, um sich einer größeren Liebe zu verschreiben.

„Um alles zu gewinnen, war ich bereit, alles zu opfern“, sagte er später.

Es war ein Opfer für ihn. Er, der junge Dichter, der kurz zuvor eine Buchhandlung gegründet hatte, suchte sich einen Orden aus, der extrem literaturfeindlich war. Er wurde Novize im Trappistenkloster von Gethsemany in Kentucky und sein Novizenmeister war Thomas Merton, den man als den großen Mystiker des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat.

Das harte Leben im Kloster war für den eher zart gebauten Mann zu viel; nach zwei Jahren verließ er es und studierte Theologie in Medellin in Kolumbien, blieb aber in einem regen Briefwechsel mit Merton, von dem auch die Anregung kam, in Lateinamerika, wo man klösterliche Traditionen kaum kannte, etwas Neues und Unabhängiges zu gründen, eine Gemeinschaft, die seinem Kontinent und der veränderten Zeit angemessen sein sollte. Er wurde der Pfarrer auf den Solentiname-Inseln und scharte um sich Schüler aus Kolumbien und Kinder der Bauernfamilien, um mit ihnen neue Formen des Zusammenlebens, auch mit den Bauern von Solentiname zu finden.

Solentiname, das war Rückzug und Neubeginn.

Der Pfarrer Cardenal kam zu den abgelegenen Inseln im Großen See von Nicaragua, dem Cocibolca, und brachte als Theologe und politischer Mensch, der er immer schon war, in seinem Gepäck die Nachrichten der Theologie der Befreiung mit, die ohne politische Perspektiven nicht denkbar ist und die auch seine Poesie beflügelte. Schon in Kolumbien hatte er die Psalmennachdichtungen verfasst, die, nicht zuletzt über die deutschsprachige Ausgabe mit dem Titel „Zerschneide den Stacheldraht“, in aller Welt bekannt wurden. Das war 1967, eine Zeit also, als in Westeuropa die Studenten auf die Straße gingen und zum ersten Mal das Wort „Revolution“ wieder öffentlich ausgesprochen wurde.

Cardenal stand an der Seite der Armen und Entrechteten, in einem Land unter der brutalen, von den USA gestützten Diktatur der Familie Somoza. Er lebte abseits, aber er mischte sich ein, schrieb Gedichte und Artikel in der Zeitung „La Prensa“, wo sein Vetter Pablo Antonio Cuadra, auch er ein kraftvoller Dichter der Opposition, das Feuilleton leitete.

Das Land war unruhig. Nicht nur die Guerilla-Organisation Frente Sandinista de Liberación Nacional FSLN gewann an Boden und fand Unterstützung im Bürgertum, auch die Ärmsten der Armen und die Studenten gingen auf die Straßen. Als am 8. Januar 1979 der Besitzer der Tageszeitung La Prensa, Pedro Joaquin Chamorro, vom Diktator ermordet wurde, wirkte das wie ein Fanal für den Volksaufstand.

Am 18. Juli 1979 musste der Somoza mit seinem Clan das Land verlassen. Nach einem mehrmonatigen Krieg war seine Nationalgarde zermürbt und die USA ließen ihren alten Kumpanen fallen. Die neue Regierung begann mit bewundernswerten Reformen: Gesundheit, Alphabetisierung, Landverteilung. Ernesto Cardenal wurde der erste Kulturminister in einer lateinamerikanischen Regierung. Auch das war ein Amt, das ihm eher Bürde als eine Ehre war, hinderte sie ihn doch, sich seinem literarischen Werk zu widmen.

Seine Leistungen als Minister können hier nur kurz umrissen werden: Verlagsgründungen, Druck von Büchern, die Werkstätten der Poesie, lange vernachlässigte Traditionen wurden in ihre Rechte gesetzt, Dichter und Liedermacher aus aller Welt eingeladen.

Aber er wurde auch die Vorzeigefigur der Revolution, die zahlreichen Besucher und Empfänge waren eine Last für ihn. Bald erlitt Nicaragua einen von den Contras und den USA aufgezwungenen Krieg, der Nicaraguas Reformen zunichte machte und tausende Menschenleben kostete. Acht Jahre nach dem Sieg der Revolution wurde Cardenals Ministerium geschlossen. Geldmangel war die offizielle Begründung. Man kann mit guten Gründen vermuten, dass unter dem Druck der Ereignisse dieser Mann der Kunst mit seinem liberalen Denken, mit seinem Eintreten für Menschenrechte und Demokratie im Prozess der politischen Verhärtung keinen Platz mehr hatte.

1993 verließ er seine Revolutionspartei, die FSLN. In einem Offenen Brief an das Volk von Nicaragua klagte Cardenal mit der ihm eigenen Leidenschaft Korruption und Ämtermissbrauch an und warf der Partei vor, jegliche Kritik zu unterdrücken, keine Diskussion zuzulassen und in das Fahrwasser des traditionellen Caudillismo zurückzufallen.

Seinem Parteiaustritt folgten fast alle, die in Dichtung und Kultur des Landes einen Namen hatten: sein Freund Sergio Ramírez, der frühere Vizepräsident, die Dichterin Gioconda Belli, sein Bruder Fernando Cardenal, Jesuit und verantwortlich für die bewundernswerte Alphabetisierung, Dora Maria Telles, Norma Elena Gadea und viele andere.

Die Solidaritätsbewegungen in Europa hatten nicht zuletzt durch Cardenal ihre entscheidenden Impulse bekommen und hatten sich längst, von den Praktiken der FSLN irritiert, den Basisprojekten der Städtepartnerschaften und anderen Formen der Solidarität mit den Menschen zugewandt.

Cardenal, der sich, obwohl er das Priesteramt als Minister nicht ausüben durfte, immer als Priester verstand, kehrte nicht in die kirchliche Arbeit zurück. Er veröffentlichte sein Opus Magnum, den „Cantico Cosmico“, arbeitete an seinen Holzschnitzereien und Skulpturen und reiste um die Welt mit seinen Gedichten. Seine Lesungen in Lateinamerika finden nicht selten in Fußballstadien statt, weil Säle und Kongresshallen die Massen der Zuhörer nicht aufnehmen können.

Cantico Cosmico ist ein großer Gesang der Liebe, der alle Himmel und Welten einschließt, der die Wissenschaft zwingt, sich in den Dienst der Dichtung, der Hoffnung und der Liebe zu stellen.

Ernesto Cardenal, 1925 in Granada/Nicaragua geboren, Sohn von Esmeralda und Rodolfo Cardenal Martinez steht in der Tradition mystischen Dichtens und Denkens. Sein Lebensweg mit so vielen Einbrüchen und Aufbrüchen, mit so viel Publizität und Verborgenheit, zeitweise abenteuerlich und bedroht, immer wieder angetrieben, zusammenzubringen, was so selten glaubwürdig zusammenkommt. Fühlen und Schreiben, Denken und Glauben, Reden und Tun, dies alles in der Öffentlichkeit als ein Mensch, ein Christ, ein Priester, der doch auch nur ein politischer Mensch ist. Dies alles in Zeiten revolutionärer Umbrüche in Nicaragua und anderswo. Es hat dazu geführt, dass sich das allgemeine Interesse viel stärker auf Cardenal als Person bezog als auf sein literarisches Werk. Er ist eine charismatische Gestalt. Vielleicht ist es das Schicksal solcher Menschen, dass man sich für sie selber mehr interessiert als für ihr Werk, ihre Botschaft, ihre Literatur. Vielleicht haben wir in Europa oder den USA mit unseren gegenwärtigen Erfolgen und Scheinerfolgen auch nicht die Fähigkeit und die Kraft, zu erkennen und zu würdigen, was sich bei Cardenal ereignet: Die innerste Bedeutung des beschwörenden Eintauchens in die Mythen der Indios und die Nebel und Klüfte der zentralamerikanischen Geschichte, in die Gesänge des Universums, und wie bei Cardenal daraus eine Einheit wird, die unserer Gegenwart leuchten könnte.

Was seine Wirkung in unseren Jahrzehnten angeht, so bleibt festzuhalten, dass er die Christenheit, und nicht nur sie, in unseren Breitengraden an die Sehnsucht der Menschen nach Gerechtigkeit, Freiheit und nach Liebe erinnert hat und dass er ihr ins Gewissen geredet hat, dass man sich auf Jesus von Nazareth nur berufen kann, wenn man einsteht für eine menschliche, eine gerechte Gesellschaft und dafür kämpft.

Mit seinem Werk hat er uns mit der Erde versöhnt. Er hat Geheimnisse der Liebe geöffnet und durch sein Beispiel eine Vorstellung davon gegeben, dass Konsum und Macht sich als eitle Irrtümer erweisen, wenn Menschen sich der Liebe zuwenden. Und dass auch politisches Handeln ein Akt der Liebe sein kann.

„Wissen wir, wen wir da ehren?“, fragte der Theologe Johann Baptist Metz in seiner Laudation, als Cardenal 1980 in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt. Die Frage stellt sich bis heute. Er war und ist immer unbequem, unabhängig und nicht selten ärgerlich für jene, die in Kirche und Gesellschaft nichts mehr in Frage stellen. Ohne Hemmungen kann er sich in der Tradition der alttestamentlichen Propheten sehen, die ihrerseits die Mächtigen angriffen. Manchen Kirchenführer hat er durch seine kindlich-naive Eifrigkeit zu einem verächtlichen Lächeln gereizt. Einen Platz in den Hierarchien hat er nie gesucht, war und ist aber Freund großer theologischer und literarischer Geister unserer Zeit. Sie haben erkannt, dass hinter der Botschaft dieses Mannes aus Nicaragua etwas steckt, das mit anderen Maßen zu messen ist und unsere Sicht der Welt um etwas wichtiges erweitert: Er hat die Erniedrigten und Beleidigten, die Vergessenen und Schwachen in ihre Rechte gesetzt und ihnen Würde und Sprache zurückgegeben. Sein Werk ist aber kein Aufruf an die Völker der südlichen Kontinente, Vergeltung für die Verbrechen von millionenfacher Sklavenverschleppung, kolonialer Unterdrückung und wirtschaftlicher Ausplünderung zu suchen, sondern sich dieser Vergangenheit zu stellen, sie zu benennen, sie zu akzeptieren als Teil der gemeinsamen Geschichte – und Wege zu suchen, eine gemeinsame menschenwürdige Zukunft zu gestalten.

Hermann Schulz, geboren 1938 in Ostafrika, leitete von 1967 bis 2001 in Wuppertal den Peter Hammer Verlag. Er veröffentlichte bereits 1966 die „Psalmen“ von Ernesto Cardenal, besuchte den Autor 1969 auf Solentiname und engagierte sich für die politischen Veränderungen in Nicaragua. Er lebt heute als Autor von Romanen, Jugend- und Kinderbüchern in Wuppertal.

 

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